Rückblick: 3. Netzwerk-Kongress

Gleiche Botschaften für ALLE – Ernährung und Bewegung im Kleinkindalter

Experten des Netzwerks mit Staatssekretär Dr. Robert Kloos. Foto: © aid/Jonathan R. Muehlhause

Wie können Eltern ihr Kleinkind für eine gesundheitsfördernde Ernährung begeistern, für reichlich Bewegung sorgen und Allergien vorbeugen? Das Netzwerk Gesund ins Leben, eine IN FORM-Initiative des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, stellte die im Konsens mit relevanten Fachgesellschaften und Berufsgruppen entwickelten Handlungsempfehlungen zur Ernährung und Bewegung im Kleinkindalter am 3. Dezember 2013 auf dem 3. Kongress des Netzwerks in Berlin dem Fachpublikum vor.

Rund 180 Teilnehmer informierten sich, diskutierten und tauschten sich über den Transfer der Empfehlungen in verschiedene Lebenswelten und Settings aus. Staatssekretär Dr. Robert Kloos vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz dankte in seiner Begrüßungsrede allen an diesem anspruchsvollen Konsensprozess Beteiligten. Er unterstrich die Bedeutung der Empfehlungen, die in die nationalen Aktivitäten zur Prävention von Übergewicht im Kindes- und Jugendalter eingebunden sind und einen entscheidenden Beitrag dazu in der frühen Phase der Kindheit leisten.

Mit dem Wunsch der Multiplikatoren nach einheitlichen Empfehlungen fing 2008 alles an, berichtete Projektleiterin Maria Flothkötter und umriss die bisherigen Aktivitäten des Netzwerks. 2010 wurden die „ersten“ Handlungsempfehlungen – jene zur Ernährung im Säuglingsalter veröffentlicht, die sich mit ca. 550.000 Abdrucken bis heute großer Nachfrage erfreuen. Auch ihr Bekanntheitsgrad und die Akzeptanz sind hoch: 86 % der Multiplikatoren kennen sie. Mit den nun vorgestellten „dritten“ – Empfehlungen, den Empfehlungen für das Kleinkindalter, ist die Phase von der Schwangerschaft bis zum dritten Lebensjahr abgedeckt. Die Empfehlungen, veröffentlicht in der Dezemberausgabe der Monatsschrift Kinderheilkunde, werden über einen Sonderdruck verbreitet und durch Elternflyer und Aufkleber für das Kinderuntersuchungsheft, Folienvorträge und Poster ergänzt. Als neue Schwerpunkte für zukünftige Tätigkeiten hat das Netzwerk Maßnahmen im Social Media/App-Bereich, den Zugang zu schwer erreichbaren Zielgruppen und vor allem die Zukunft des Netzwerks, dem über 400 Partnerorganisationen angehören, in den Blick genommen. (Vortrag zum Download PDF | 1,5 MB).

Die aktuelle Ernährungssituation von Kleinkindern in Deutschland stellte Prof. Mathilde Kersting vor. Auswertungen von Studien zeigen: Beim Lebensmittelverzehr besteht Verbesserungsbedarf. Pflanzliche Lebensmittel werden in geringerer Menge als empfohlen gegessen; bei Fleisch, Eiern und Süßigkeiten liegen die Verzehrmengen über den Empfehlungen der optimierten Mischkost. Die Nährstoffzufuhr entspricht weitgehend den Empfehlungen. Nicht zufriedenstellend ist die Vitamin D-Zufuhr. Doch eine Supplementierung muss medizinisch im Einzelfall entschieden werden. Bei Folat und Eisen liegt die rechnerische Zufuhr unter den Referenzwerten. Die tatsächliche Beurteilung der Versorgung ist aber schwierig, da Biomarker für das Kleinkindalter fehlen. Insgesamt zeigen Erhebungen der DONALD-Studie des Forschungsinstituts für Kinderernährung, dass sich die Ernährungsgewohnheiten mit dem Übergang auf die Familienernährung verschlechtern. Von einer Verbesserung würden Kleinkinder profitieren. (Vortrag zum Download PDF | 570 kb).

Prof. Ines Heindl beleuchtete die Ernährungskompetenz von Familien: Das Wissen über gesunde Ernährung ist, wie Studien zeigen, in Familien angekommen, doch es wird aufgrund mangelnder Fähigkeiten der Speisenzubereitung nicht umgesetzt. Kinder lernen das Essen in Gemeinschaft. Das Essen ist an Zeit, Personal und Raum gebunden, wird ständig sozial gedeutet und ausgehandelt und ist ein kultureller, kommunikativer Prozess. Gemeinsame Mahlzeiten sind wichtig und Familien brauchen Unterstützung, die Flexibilität in der Alltagsgestaltung zulässt. Die Herausbildung der Sinnesfähigkeit sieht I. Heindl als einen Schwerpunkt des Essenlernens an. Geschmacksbildung der Vielfalt und Nuancen, die Verknüpfung von Düften, Gerüchen, Atmosphäre mit Emotionen und Erinnerungen und die Verbundenheit von Reden, Zuhören, Hinhören und Essen gehören dazu. (Vortrag zum Download PDF | 410 kb)

Dr. Susanna Wiegand stellte relevante Aspekte der Übergewichtsprävention für das Kleinkindalter vor. Kinder aus sozial benachteiligten Familien haben ein höheres Risiko für Übergewicht. Doch oft wird es nicht wahrgenommen: 80 % der Eltern in einer Kiez-Kita in Berlin schätzen das Gewicht ihres übergewichtigen Kindes als genau richtig ein. Ein früher Adiposity Rebound (Umschlagspunkt der BMI-Kurve) kann Fachkräfte auf ein höheres Übergewichtsrisiko hinweisen. Es entsteht durch ein Ungleichgewicht in der Energiebilanz von bereits 46 bis 72 kcal am Tag. Als Beispiele zur Prävention nennt S. Wiegand: eine Stunde weniger TV und eine Stunde körperliche Aktivität am Tag, täglich einen Softdrink weniger und eine gesunde Nahrungsauswahl. Dies nützt nicht nur den Kindern, die ein höheres Risiko für Übergewicht haben, sondern fördert auch die allgemeine Entwicklung der Kinder. (Vortrag zum Download PDF | 14 MB)

Prof. Manfred Cierpka stellte die Handlungsempfehlungen des Netzwerks im Bereich „Essen lernen“ vor. Das Kleinkind lernt vor allem durch Imitation von andern. M. Cierpka unterstrich die Bedeutung gemeinsamer Mahlzeiten – nicht nur für das Essen lernen. Das Kind lernt dabei auch „Familie“. Rollen werden vermittelt, es entsteht ein inneres Bild von Familie, das später die eigene Familienbildung beeinflusst. Essen ist ein intimes Miteinander in dialogischer Gegenseitigkeit. Wenn Eltern Hunger und Sättigung beachten, auf die Signale des Kindes angemessen reagieren, stärkt dies die Selbstregulation und bedeutet für das Kind Bindungssicherheit. Lebensmittelvielfalt gestalten ist ein weiterer Kernpunkt der Empfehlungen, denn sie tragen nicht nur zu einer ausgewogenen Ernährung bei, sondern verbreiten und fördern alle Sinnesmodalitäten. (Vortrag zum Download PDF | 3,2 MB)

Eine ausgewogene Familienernährung kann auch den Bedarf von Kleinkindern decken, so Prof. Berthold Koletzko, da der Nährstoffbedarf pro Kilokalorie bei den Familienmitgliedern ähnlich ist. Reichlich Getränke und pflanzliche Lebensmittel, mäßig tierische Lebensmittel und sparsam Zucker und Süßigkeiten, Salz, Fette mit hohem Anteil an gesättigten Fettsäuren sowie Snackprodukte sollten es sein. Auch zuckerhaltige Getränke sind nicht wünschenswert, da sie Übergewicht fördern. Omega-3-Fettsäuren, Eisen, Jod und Vitamin D zählen zu den kritischen Nährstoffen im Kleinkindalter. Dies ist bei der Lebensmittelauswahl besonders zu beachten. Bei vegetarischen Ernährungsformen, die ein höheres Risiko für einen Nährstoffmangel bergen, ist eine kinderärztliche Beratung sinnvoll. Von der veganen Ernährung rät B. Koletzko dringend ab. Da sich Kleinkinder leichter verschlucken und ihr Immunsystem noch nicht ganz ausgereift ist, sollten sie einige Lebensmittel nicht essen. Dazu gehören Nüsse und Lebensmittel in „Erdnussgröße“ sowie rohe tierische Lebensmittel. (Vortrag zum Download PDF | 1,8 MB)

Prof. Carl Peter Bauer stellte die Handlungsempfehlungen im Bereich „Nahrungsmittelunverträglichkeiten“ vor. Häufig vermuten Eltern, dass das Kind eine Nahrungsmittelunverträglichkeit hat, doch tatsächlich ist nur ein geringer Anteil der Kinder betroffen. Auch bei Neurodermitis liegt oft keine Nahrungsmittelallergie vor. Ein vorsorgliches Meiden von Nahrungsmitteln kann Kindern schaden und ihre Lebensqualität beeinträchtigen. Keine Karenz ohne Diagnose, betont C.P. Bauer. Dies gilt auch für Zöliakie oder Laktoseintoleranz. Liegt eine Nahrungsmittelallergie vor, muss das unverträgliche Lebensmittel gemieden werden. Die Mehrzahl der Kleinkinder entwickelt jedoch bis zum Schulalter eine Toleranz. (Vortrag zum Download PDF | 1,4 MB)

Prof. Christine Graf machte die Bedeutung von Bewegung für die Gesundheit, die Übergewichtsprävention, die motorische und die kognitive Entwicklung bewusst. Bewegung vermittelt Selbstvertrauen und Bewegung lernen heißt auch soziales Miteinander lernen. Kleinkinder wollen sich bewegen, diesen Drang gilt es zu unterstützen und für bewegungsfreundliche Lebensbedingungen zu sorgen. Je mehr Bewegung in diesem Alter, desto besser, so C. Graf. Bewegung wird wie das Essen in Rollensystemen mit andern gelernt. Eltern sollten sich daher ihrer Vorbildfunktion und ihres Verhaltens bewusst sein. Das gilt auch beim Umgang mit Bildschirmmedien, die für Kleinkinder nicht empfehlenswert sind. Ruhepausen sind wichtig, doch das Ausmaß richtet sich nach dem Naturell des Kindes. (Vortrag zum Download PDF | 1,7 MB)

In fünf Workshops am Nachmittag diskutierten die Teilnehmer über den Transfer der Handlungsempfehlungen in verschiedene Lebenswelten und gaben Anregungen für die weitere Netzwerkarbeit. Eine Auswahl aus den Ergebnissen:

  • Eine Vernetzung der Akteure im Gesundheitssystem ist ebenso wünschenswert wie die Stärkung der Alltagskompetenz der Zielgruppe. Rahmenbedingungen für Ernährung und Bewegung, beispielsweise in Form von Gesetzen, Richtlinien, Bildungsstandards, sollten verbessert werden. Netzwerk-Medien sollten in andere Sprachen übersetzt werden und neue Übertragungsformate sind zu überlegen.
  • Im Rahmen der Kindertagesbetreuung ist die Kommunikationskompetenz der Multiplikatoren zu stärken und ggf. andere Organisationen zur Vermittlung der Handlungsempfehlungen in die Kita zu holen. Erfolgreiche Projekte brauchen Unterstützung bei der Verstetigung. Materialien sollten in Zusammenarbeit mit Menschen „aus der Basis“ erstellt werden.
  • Auf breiter Basis sollten Multiplikatoren für die Bedürfnisse und Besonderheiten sozial benachteiligter Familien sensibilisiert werden. Die Informationen müssen zudem niederschwellig und zielgruppenspezifisch aufbereitet sein, z. B. in TV-Formate bringen. Eine dauerhafte Finanzierung von qualifizierten Personen vor Ort ist notwendig.
  • In der Aus- und Weiterbildung werden verpflichtende Curricula gebraucht. Fremdsprachige Materialien sind für Multiplikatoren aus anderen Kulturen gewünscht. Der Wunsch an das Netzwerk: seine Kompetenz nutzen und Politik und Medien beraten.
  • In der Arbeit mit Familien mit Migrationshintergrund sind Esskultur, Bewegung und Medienkonsum als zentrale Themen zu sehen. Kulturelle Unterschiede sollten in der Umsetzung berücksichtigt und wertgeschätzt werden. Die Zielgruppe ist durch Ärzte oder Familienhebammen erreichbar. Die Handlungsempfehlungen sollten nachhaltig in die Breite getragen werden.

Mit einer Fülle an Anregungen, aber auch offenen Fragen ging ein von intensivem Austausch und Netzwerken geprägter Kongresstag zu Ende. Sie fließen in die zukünftige Arbeit und die weiteren Aktivitäten des Netzwerks ein und tragen es auf seinem erfolgreichen Weg weiter.

Monika Cremer, Netzwerk Gesund ins Leben


Bilder von der Veranstaltung

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Staatssekretär Dr. Robert Kloos (Bundesernährungsministerium, 2.v.l.) mit Mitgliedern der Lenkungsgruppe von Gesund ins Leben: Maria Flothkötter, Andrea Pahne, Gerda Weiser, Dr. Wolfram Hartmann, Dr. Andrea Lambeck, Dr. Christian Albring, Christel Schierbaum, Dr. Burkhard Scheele
Von links: Prof. Ines Heindl, Prof. Christine Graf, Prof. Carl Peter Bauer,  Staatssekretär Dr. Robert Kloos (Bundesernährungsministerium), Prof. Berthold Koletzko, Prof. Manfred Cierpka und Dr. Susanna Wiegand. 
Foto: © aid/Jonathan R. Muehlhause
Staatssekretär Dr. Robert Kloos, Bundesministerium für  Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, eröffnete den Kongress.
Foto: © aid/Jonathan R. Muehlhause
Die Leiterin von „Gesund ins Leben“,  Maria Flothkötter, stellte die Arbeit des Netzwerks vor und führte ins Thema ein. Foto: © aid/Jonathan R. Muehlhause
Prof. Mathilde Kersting vom Forschungsinstitut für Kinderernährung gab einen Überblick zur aktuellen Ernährungssituation von Kleinkindern in Deutschland. Foto: © aid/Jonathan R. Muehlhause
Fernseh-Picknick oder Familientisch? Prof. Ines Heindl von der Universität Flensburg referierte zur Ernährungskompetenz von Familien. Foto: © aid/Jonathan R. Muehlhause
Moderator Volker Wieprecht diskutierte mit Dr. Susanna Wiegand, Charité, Ansätze zur Prävention von Übergewicht im Kleinkindalter. Foto: © aid/Jonathan R. Muehlhause
Prof. Manfred Cierpka von der Universität Heidelberg stellte die Empfehlungen zum Essenlernen vor. Foto: © aid/Jonathan R. Muehlhause
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