Nachgefragt im Mai: Ist Alkohol in der Stillzeit erlaubt?

08.05.2013

In der Schwangerschaft verzichten die meisten Frauen auf alkoholische Getränke, denn schon kleine Mengen Alkohol bergen gesundheitliche Risiken für das ungeborene Kind. Wie lauten die aktuellen Empfehlungen für die Zeit nach der Geburt: Ist Alkohol in der Stillzeit erlaubt?

Baby hält Alkoholverbotsschild

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Das Netzwerk „Gesund ins Leben“ empfiehlt, dass Stillende Alkohol meiden sollen, da Alkohol in die Muttermilch übergeht. Fachgesellschaften stimmen überein, dass ein Alkoholverzicht in der Stillzeit für die Gesundheit von Mutter und Säugling am sichersten ist. Allenfalls bei seltenen und besonderen Anlässen ist ein kleines Glas Wein, Bier oder Sekt tolerierbar, wenn beim Stillen einige Punkte beachtet werden. Diese Einschränkung bedeutet nicht, dass die Experten des Netzwerks den Genuss von alkoholischen Getränken in der Stillzeit befürworten. Sie trägt aber der Tatsache Rechnung, dass Stillen entscheidende Vorteile für Mutter und Kind bietet, selbst wenn die Mutter ausnahmsweise einmal eine geringe Menge Alkohol trinkt, wenn die andere Alternative möglicherweise ein früheres Abstillen ist.

Das Kind trinkt mit. Nach dem Konsum von alkoholischen Getränken gelangt bei der stillenden Mutter ein Teil des Alkohols über den Verdauungstrakt ins Blut und weiter in die Muttermilch. Alkohol wird hauptsächlich in der Leber abgebaut. Bei Säuglingen ist diese nicht ausgereift, die Aktivität einiger Enzyme ist im Vergleich zu Erwachsenen deutlich geringer. Deshalb wird Alkohol bei Säuglingen nur sehr langsam abgebaut und bleibt erheblich länger im Körper.

Alkohol beeinflusst das Schlafverhalten von Säuglingen negativ. In zwei Studien wurde nachgewiesen, dass Alkoholkonsum über die Muttermilch den Schlafrhythmus gestillter Säuglinge stören kann [1, 2]. Sie hatten kürzere ruhige Schlafphasen und einen leichteren Schlaf, wenn die Mutter vor dem Stillen Alkohol getrunken hatte bzw. die Kinder alkoholhaltige Muttermilch bekamen. Gleichzeitig waren die Wach- und Schreiphasen länger.

Stillprobleme sind häufiger, wenn Mütter Alkohol trinken. Schon der Konsum kleiner Mengen Alkohol beeinflusst die Ausschüttung mütterlicher Hormone. Das bestätigt jedoch nicht die landläufige Meinung, dass Alkohol die Milchbildung anregt. Im Gegenteil: Nach dem Genuss alkoholischer Getränke kann es durch die Wechselwirkung mit dem Hormonhaushalt zu einer Verringerung der Milchmenge kommen [3]. Das kann einer der Gründe dafür sein, dass stillende Mütter, die mehrmals in der Woche Alkohol trinken, häufiger über Stillprobleme wie wunde Brustwarzen, wenig Milch und Milchstau berichten als Frauen, die keinen Alkohol trinken, schlussfolgert das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in einem aktuellen Wissenschaftsreport zu Alkohol in der Stillzeit [4].

Am besten ohne Alkohol in der Stillzeit. Eine sichere obere Grenze für die Alkoholaufnahme in der Stillzeit lässt sich aus den verfügbaren wissenschaftlichen Daten nicht ableiten. Kontrollierte Studien über kurz- oder langfristige Wirkungen von Alkohol auf den kindlichen Organismus fehlen. Für die Gesundheit von Mutter und Kind ist es deshalb am sichersten, in der Stillzeit auf Alkohol zu verzichten. Die Empfehlung von „Gesund ins Leben“ lautet entsprechend, das stillende Mütter Alkohol meiden sollen [5]. In den ersten Lebensmonaten ist Muttermilch die beste Nahrung für Säuglinge. Die Vorteile des Stillens für Mutter und Kind überwiegen selbst dann noch, wenn die Mutter ausnahmsweise einmal ein Glas Alkohol trinkt [4]. Im Konsensuspapier von „Gesund ins Leben“ zur Säuglingsernährung und Ernährung der stillenden Mutter, das mit allen relevanten Berufsgruppen erarbeitet wurde, ist die Empfehlung zum Meiden von Alkohol daher um den Zusatz ergänzt, dass allenfalls zu besonderen Anlässen ein kleines Glas Wein, Bier oder Sekt tolerierbar ist, wenn ein früheres Abstillen die Alternative ist [5].

Mütter unterstützen und zum (Weiter-)Stillen motivieren. Es ist wichtig stillende Mütter über die Auswirkungen von Alkohol in der Stillzeit zu informieren, ohne Schuldgefühle auszulösen. Es ist nicht wünschenswert, dass eine Frau mit dem Stillen aufhört, weil sie ausnahmsweise einmal eine kleine Menge Alkohol getrunken hat. Der Wunsch, in der Stillzeit Alkohol oder andere Genussmittel wie Kaffee oder Zigaretten zu konsumieren, ist für Mütter ein häufiger Grund, nicht oder nur kurz zu stillen [4, 6]. Im Sinne der Stillförderung sollten Fachkräfte das Thema in der Beratung individuell besprechen, auf alkoholfreie Alternativen hinweisen, Unterstützungsmöglichkeiten durch das persönliche Umfeld besprechen und sicherstellen, dass die Ausnahme „ein kleines Glas zu besonderen Anlässen“ nicht beliebig ausgelegt wird.

Im Ausnahmefall das Stillen planen. Wird bei einem seltenen und besonderen Anlass wie einem Geburtstag doch ein kleines Glas Wein, Bier oder Sekt getrunken, muss Folgendes beachtet werden: Die Mutter sollte das Kind stillen, bevor sie etwas trinkt und mehrere Stunden bis zur nächsten Stillmahlzeit einplanen [4], damit der Alkohol im Blut der Mutter und in der Muttermilch größtenteils abgebaut ist. Ein hungriges Baby wird in dieser Zeit am besten mit zuvor abgepumpter und kühl gelagerter Muttermilch versorgt.

Die Alkoholkonzentrationen im Blut und in der Milch steigen in etwa parallel an. Mit dem Abbau des Alkohols im Körper sinkt die Konzentration in der Milch wieder [4]. Etwa 30 Minuten nach dem Alkoholkonsum ist die größte Menge des Alkohols in der Muttermilch angelangt. Wird mit dem alkoholischen Getränk etwas gegessen, kann sich die Alkoholaufnahme verzögern. Da der Alkohol auch in der Muttermilch nach und nach abgebaut wird, ist zum Beispiel ein Glas Wein am Abend nach der letzten Stillmahlzeit weniger problematisch als kurz vor dem Stillen. Doch nicht immer lässt sich genau vorhersagen, wann der Säugling die nächste Stillmahlzeit verlangt. Für Mutter und Kind ist es daher am sichersten, in der Stillzeit vollständig auf Alkohol zu verzichten.

Quellen:

[1] Mennella JA, Garcia-Gomez PL (2001): Sleep disturbances after acute exposure to alcohol in mothers' milk. Alcohol 25: 153–158

[2] Schuetze P, Eiden RD, Chan AWK (2002): The effects of alcohol in breast milk on infant behvarioal state and mother-infant feeding interactions. Infancy 3: 349–363

[3] Mennella JA, Pepino MY (2008): Biphasic effects of moderate drinking on prolactin during lactation. Alcohol Clin Exp Res 32: 1899–1908

[4] Schwegler U, Kohlhuber M, Roscher E, Kopp E, Ehlers A, Weißenborn A, Rubin D, Lampen A, Fromme H (2012): Alkohol in der Stillzeit – Eine Risikobewertung unter Berücksichtigung der Stillförderung. Bundesinstitut für Risikobewertung, BfR-Wissenschaft 07/2012, www.bfr.bund.de/cm/350/alkohol-in-der-stillzeit-eine-risikobewertung-unter-beruecksichtigung-der-stillfoerderung.pdf

[5] Koletzko B, Bauer C-P, Brönstup A et al: Säuglingsernährung und Ernährung der stillenden Mutter. Aktualisierte Handlungsempfehlungen des Netzwerks Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie, ein Projekt von IN FORM, Monatsschr Kinderheilkd 3/2013, Springer-Verlag 2013

[6] Lange C, Schenk L, Bergmann R (2007): Verbreitung, Dauer und zeitlicher Trend des Stillens in Deutschland. Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS). Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 2007 May-Jun;50(5–6): 624–633


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