Nachgefragt im September: Sollten Lebensmittel, die häufig Allergien auslösen, im ersten Lebensjahr besser nicht gegeben werden?

17.09.2013

Eltern möchten alles tun, um ihr Baby vor Allergien zu schützen, vor allem dann, wenn es in der Familie bereits Allergien gibt. Oft sind sie besonders bei Kuhmilch, Ei, Weizen (glutenhaltiges Getreide) oder Fisch, die als „allergen“ eingestuft werden, unsicher. Können auch diese Lebensmittel schon im ersten Lebensjahr gegeben werden oder sollte man besser damit warten?

Baby mit Löffel

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Das Meiden oder die spätere Einführung von häufiger Allergie auslösenden Lebensmitteln bietet keinen Schutz vor Allergien. Im Gegenteil: eine geregelte Exposition ist zur Toleranzentwicklung sogar wünschenswert. Für alle Säuglinge – ob mit oder ohne erhöhtem Allergierisiko – empfiehlt das Netzwerk „Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie“, die Beikost frühestens mit Beginn des 5. Monats, spätestens mit Beginn des 7. Lebensmonats zu starten und dem Ernährungsplan des Forschungsinstituts für Kinderernährung zu folgen. In diesem Ernährungsplan haben auch Milch und Fisch ihren Platz1. Eier werden üblicherweise bei der Zubereitung der Breie nicht verwendet, das Baby dürfte sie (gegart) aber durchaus essen.

Noch vor ein paar Jahren hieß es mit Blick auf die Allergievorbeugung: Nahrungsmittel, die häufiger Allergien auslösen, möglichst im ersten Lebensjahr zu meiden bzw. spät einzuführen. Doch mit der aktualisierten S3-Leitlinie zur Allergieprävention, die 2009 veröffentlicht wurde, fand ein Paradigmenwechsel statt. 217 aktuelle Studien wurden im Rahmen der Aktualisierung bewertet. Ergebnis: Eine Verzögerung der Beikosteinführung über den Beginn des fünften Lebensmonats hinaus und das Meiden von Nahrungsmittelallergenen im ersten Jahr wird nicht empfohlen 2. Fisch, Milch, Ei darf dann genau wie Gemüse, Obst, Getreide oder Fleisch auf den Babyteller.

Einführung der Beikost zwischen Beginn des 5. bis Beginn des 7. Lebensmonats: Wissenschaftliche Daten liefern keine Belege, die eine spätere Einführung rechtfertigen würden 3-5. Dies heißt aber nicht, dass der Beikoststart zu Beginn des 5. Lebensmonats für die Allergieprävention besser sei als zu Beginn des 7. Lebensmonats. Auch nicht: dass besonders „allergene“ Nahrungsmittel als erstes eingeführt werden müssen. Der genaue Zeitpunkt für die erste Beikost ist von der individuellen Entwicklung des Säuglings abhängig. Manche zeigen früh Interesse an Beikost, andere später 6.

Ein Brei nach dem anderen: Nach dem Ernährungsplan des Forschungsinstituts für Kinderernährung werden nach und nach drei verschiedene Breie mit wenigen Zutaten eingeführt. Dazu gehören auch Lebensmittel, die häufiger Allergien auslösen, wie Kuhmilch und der Fisch. Vielfalt und Variation innerhalb der Lebensmittelgruppen ist erwünscht. Doch um eventuelle allergische Reaktionen auf Lebensmittel zu entdecken, sollte es möglichst nur ein neues Lebensmittel in einer Mahlzeit sein 5.

Beikost geben und weiter stillen: Das Weiterstillen während der Beikosteinführung ist eine wichtige schützende Maßnahme vor Allergien. Ihr Effekt ist klar belegt 6. Auch für die Prävention von Zöliakie ist das Weiterstillen wichtig. Wird Gluten bzw. glutenhaltiges Getreide in die Ernährung des Babys eingeführt, während es noch gestillt wird, kann das Risiko für die Zöliakie um 50 % gesenkt werden 7. Zöliakie ist eine chronische Erkrankung des Dünndarms, die auf einer Unverträglichkeit des Getreideeiweißes Gluten, das u.a. in Weizen, Dinkel, Hafer, Roggen, Gerste, Grünkern enthalten ist, beruht. Der erste Brei – Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei – wird deshalb hin und wieder durch eine kleine Menge Nudeln oder andere glutenhaltige Getreideprodukte ergänzt. Im Milch-Getreide-Brei werden glutenhaltige Getreidearten bevorzugt verwendet.

Ab und zu Fisch: Fischverzehr kann vor Allergien schützen 2. Deshalb sollte das Kind gelegentlich einen Gemüse-Kartoffel-Fisch-Brei statt einen mit Fleisch essen. Aufgrund der Datenlage kann derzeit aber nicht gesagt werden, wie oft und welche Fischmengen im ersten Lebensjahr wünschenswert sind. Fettreiche Fische, wie Lachs oder Makrele, enthalten langkettige Omega-3-Fettsäuren, die für die gesunde Entwicklung von Bedeutung sind.

Kuhmilch im Brei: Auch eine kleine Menge Kuhmilch (200 ml) hat im ersten Lebensjahr in der Beikost ihren Platz. Sie ist Bestandteil des Milch-Getreide-Breis und auch Kinder mit erhöhtem Allergierisiko können diesen Brei zu sich nehmen. Die Alternative: Stillen und einen milchfreien Getreidebrei füttern.

Quellen:

[1] Koletzko B, Bauer C-P, Brönstrup A et al.: Säuglingsernährung und Ernährung der stillenden Mutter. Aktualisierte Handlungsempfehlungen des Netzwerks Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie. Monatsschr Kinderheilkd 161, 237–46 (2013)

[2] Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI), in Zusammenarbeit mit dem Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA), der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG), und der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie (GPA). S3-Leitlinie Allergieprävention. In: AWMF-Leitlinien-Register Nr 061/016. Düsseldorf: AWMF-Leitlinien (2009)

[3] Greer FR, Sicherer SH, Burks AW, American Academy of Pediatrics Committee on N, American Academy of Pediatrics Section on A, Immunology. Effects of early nutritional interventions on the development of atopic disease in infants and children: the role of maternal dietary restriction, breastfeeding, timing of introduction of complementary foods, and hydrolyzed formulas. Pediatrics 121, 18391 (2008)

[4] Host A, Halken S, Muraro A, et al. Dietary prevention of allergic diseases in infants and small children. Pediatric allergy and immunology : official publication of the European Society of Pediatric Allergy and Immunology 19, 14 (2008)

[5] Agostoni C, Decsi T, Fewtrell M, et al. Complementary feeding: a commentary by the ESPGHAN Committee on Nutrition. J Pediatr Gastroenterol Nutr 46, 99110 (2008)

[6] Kopp MV. Die Leitlinie Allergieprävention auf dem Prüfstand. Bundesgesundheitsblatt, Gesundheitsforschung, Gesundheitsschutz 55, 5 (2012)

[7] Akobeng AK, Ramanan AV, Buchan I, Heller RF. Effect of breast feeding on risk of coeliac disease: a systematic review and meta-analysis of observational studies. Arch Dis Child 91, 3943 (2006)

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