Nachgefragt im April: Müssen stillende Mütter zur Allergievorbeugung auf bestimmte Lebensmittel verzichten?

09.04.2014

Abwechslungsreich und ausgewogen, so lautet die Ernährungsempfehlung des Netzwerks Gesund ins Leben, eine IN FORM-Initiative des Bundesernährungsministeriums, für stillende Mütter. Eine Einschränkung der Lebensmittelauswahl, aus Sorge vor Allergien des Säuglings, ist dabei aus heutiger Sicht unnötig. Sie kann ganz im Gegenteil sogar zu einem Nährstoffmangel bei Mutter und Kind führen [5]. Zu einer abwechslungsreichen Ernährung der Stillenden gehören auch Kuhmilch, Ei oder Fisch. Warum aber profitiert der gestillte Säugling, wenn seine Mutter abwechslungsreich isst?

Lachs mit grünem Spargel

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Das was die Mutter isst, geht in geringen Konzentrationen auch in die Muttermilch über. Auf diese Weise kommt das Immunsystem des Kindes bereits früh mit unterschiedlichen, und möglicherweise allergieauslösenden, Nahrungsbestandteilen in Kontakt. Die behutsame Einführung dieser Stoffe über die Muttermilch ist für den Säugling besonders verträglich und wird heute als eine Art Lernprozess für das kindliche Immunsystem betrachtet. Speziell durch den mütterlichen Verzehr von Fisch konnte sogar eine schützende Wirkung in Bezug auf Allergien beim Kind beobachtet werden. Daraus ergibt sich für die Stillzeit die ausdrückliche Empfehlung nach Möglichkeit regelmäßig Fisch zu verzehren [1].

Bewusst auswählen statt verzichten. Die Stillzeit ist eine energie- und kräftezehrende Zeit. In der Stillzeit steigt der Energiebedarf für die Milchbildung bei ausschließlichem Stillen um etwa 630 kcal pro Tag an [6]. Regelmäßige Mahlzeiten und eine ausgewogene Lebensmittelauswahl sind daher besonders wichtig. Um dem Körper die notwendige Energie und den Mehrbedarf an Nährstoffen zur Verfügung zu stellen, sollten neben reichlich Gemüse, Obst und Getreide(-produkten) auch mäßig tierische Lebensmittel wie dreimal täglich Milch, Milchprodukte und einmal täglich Fisch, Eier, Fleisch oder Wurstwaren auf dem Speiseplan stehen. Auch der Flüssigkeitsbedarf steigt in der Stillzeit. Stillende sollten deshalb regelmäßig, z. B. bei jeder Stillmahlzeit, ein Glas Wasser trinken. Eine diätetische Einschränkung kann zu einem Nährstoffmangel bei Mutter und Kind führen und wird für die stillende Mutter nicht empfohlen. Auch zum Schutz vor Allergien hat der Verzicht auf Lebensmittel, die häufiger Allergien auslösen, Studien zufolge keinen erkennbaren Nutzen [1; 2]. Das betrifft auch potenzielle Allergene wie Milch, Fisch und Weizen.

Fettreicher Seefisch kann vor Allergien schützen. Die aktuelle S3-Leitlinie zur Allergieprävention gibt Hinweise darauf, dass der Verzehr von fettreichem Fisch während der Stillzeit eine schützende Wirkung auf die Entwicklung von Asthma, Heuschnupfen und Neurodermitis (atopische Erkrankungen) beim Kind hat [2]. Für genauere Angaben bezüglich des Wirkmechanismus fehlt bisher die Evidenz. Konkret empfiehlt das Netzwerk Gesund ins Leben stillenden Frauen, nach Möglichkeit zweimal wöchentlich Seefisch zu verzehren, davon mindestens einmal fettreichen Fisch wie Hering, Makrele, Lachs oder Sardine [1]. Fettreiche Seefische enthalten die langkettigen Omega-3-Fettsäuren DHA (Docosahexaensäure) und EPA (Eicosapentaensäure). Als Zellwandbestandteil von Nervenzellen im Gehirn und im Auge hat DHA entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des Säuglings. EPA ist Bestandteil von Gewebshormonen und hat eine antientzündliche Funktion [5]. Frauen in Schwangerschaft und Stillzeit sollten im Durchschnitt täglich mindestens 200 mg DHA zu sich nehmen [4]. Mit etwa 150 g Hering oder 100 g Lachs pro Woche, wird nach heutigem Kenntnisstand die empfohlene Zufuhrmenge an DHA erreicht.

Erhöhter Verzehr von Raubfischen ist nicht empfehlenswert. Manche Fischarten, können je nach Lebensraum stärker mit Schwermetallen wie Quecksilber belastet sein. Dies gilt vor allem für große und alte Fische, die überwiegend räuberisch leben und am Ende der maritimen Nahrungskette stehen. Für diese Raubfische gibt es in der Schadstoff-Höchstmengenverordnung (Verordnung (EG) 1881/2006) höhere Grenzwerte, die häufig auch erreicht werden. Aufgrund der Schadstoffbelastung und zum Schutz des empfindlichen Organismus des Säuglings wird daher vom bevorzugten Verzehr großer Raubfische wie Thunfisch oder Schwertfisch während der Stillzeit abgeraten [3]. Zu den weniger belasteten Fischarten gehören neben den Magerfischen wie Kabeljau und Alaska-Seelachs auch die fettreichen Fischarten wie Hering, Makrele, Lachs und Sardinen, deren Verzehr daher unbedenklich ist.

Quellen:

[1] Koletzko B, Brönstrup A, Cremer M et al. (2013): Säuglingsernährung und Ernährung der stillenden Mutter. Aktualisierte Handlungsempfehlungen. Monatsschr Kinderheilkd 2013;161:237–46

[2] Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI), in Zusammenarbeit mit dem Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA), der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG), und der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie (GPA) (2009): S3-Leitlinie Allergieprävention. AWMF-Leitlinien-Register Nr 061/016 [serial on the Internet]. 2009. 06.05.2010

[3] BfR (2008) Stellungnahme Nr. 041/2008 des BfR vom 10.09.008. BfR, Berlin.
www.bfr.bund.de/cm/343/verbrauchertipp_fuer_schwangere_und_stillende_den_verzehr_von_thunfisch_einzuschraenken.pdf

[4] Koletzko B et al. World Assosiation of Perinatal Medicins Dietary Guidelines Working Group (2008): The roles of long chain polyunsaturated fatty acids in pregnancy, lactation and infancy: review of current knowledge and consensus recommendations, J Perinat Med 36: 548–9

[5] Arbeitskreis Omega-3 e.V., Langkettige Omega-3-Fettsäuren (2011): Bedeutung und Versorgungskonzept. Konsensus-Statement, Deutsche Apotheker Zeitung 2953 Nr. 25

[6] DGE et al. (2012): DACH-Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. 1. Auflage, 4., korrigierter Nachdruck, Neuer Umschau Buchverlag Frankfurt am Main

 

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