Nachgefragt im Juli/August: Sollte jeder Säugling Fluoridtabletten bekommen?

08.07.2014

Fluorid ist ein Mineralstoff, der in Knochen und Zähnen vorkommt. Er trägt zur Mineralisierung des Zahnschmelzes bei und kann Karies vorbeugen. Die Fluoridmenge, die in Deutschland üblicherweise mit Trinkwasser und Nahrung aufgenommen wird, reicht aber dazu nicht aus [1]. Eine Ergänzung ist sinnvoll. Doch muss jeder Säugling Fluorid bekommen? Und wenn ja, sind Fluoridtabletten oder die fluoridhaltige Zahnpasta vorzuziehen?

Zahnender Säugling lacht

Foto: © Ana Blazic Pavlovic / Fotolia.com

Das Netzwerk Gesund ins Leben, eine IN FORM-Initiative des Bundesernährungsministeriums, empfiehlt, Säuglingen täglich Fluorid in Form von Tabletten zu geben, wenn das Trinkwasser 0,3 mg Fluorid oder weniger pro Liter enthält. Das ist in Deutschland meist der Fall. Fluorid beugt Karies vor. Zahnpasten mit Fluorid sollten nicht zum Putzen der ersten Zähne verwendet werden, da Säuglinge sie leicht herunterschlucken. Zahngesundheit fördern heißt aber auch, das Dauernuckeln und süße Getränke zu vermeiden.

Es gibt gute Gründe für Fluoridtabletten. Fluorid ist ein Mineralstoff, der vor allem in Knochen und Zähnen vorkommt und für eine gesunde Entwicklung des Kindes in kleinen Mengen gebraucht wird. Fluorid beugt aber auch Karies vor – und zwar vor und nach dem Durchbruch der Zähne [3]. Während der Zahnentwicklung wird es in den Zahnschmelz und in das darunter liegende knochenähnliche Dentin (Zahnbein) eingebaut. Ist der Zahn durchgebrochen, ist die Anwesenheit von gelöstem Fluorid an der Zahnoberfläche entscheidend. Die Fluoridtablette wirkt somit, wenn sie sich beim Konsum im Mund aufzulösen beginnt lokal – ebenso wie die fluoridhaltige Zahnpasta. Das Fluorid aus der Tablette wird aber auch aufgenommen und gelangt über den Speichel wieder in die Mundhöhle [6].

Fluorid macht die Zähne widerstandsfähiger gegen Säuren der kariogenen Bakterien und hemmt ihr Wachstum. Es steigert aber auch die Remineralisation und kann kleine Zahnschmelzschäden reparieren [3]. Gesund ins Leben empfiehlt daher, Säuglingen in der Regel täglich 0,25 mg Fluorid in Tablettenform zu geben [6]. „In der Regel“ bedeutet: wenn der Fluoridgehalt im Trinkwasser bei 0,3 mg pro Liter oder darunter liegt. Dies ist bei mehr als 90 Prozent des Trinkwassers in Deutschlands der Fall [1]. Enthält das Trinkwasser zwischen 0,3 und 0,7 mg pro Liter, wird der Kinder- und Jugendarzt eine geringere Fluoriddosis empfehlen. Ab 0,7 mg Fluorid pro Liter Trinkwasser wird von einer Supplementierung abgeraten. Fluoridiert wird das Trinkwasser in Deutschland nicht.

So nützlich Fluorid in geringen Mengen ist, so kann zu viel Fluorid auch der Gesundheit schaden. Deshalb sollten Fluoridtabletten und eine fluoridhaltige Zahnpasta nicht „gemeinsam“ zur Kariesprophylaxe angewandt werden. Denn eine dauerhaft zu hohe Dosis kann zu Veränderungen im Zahnschmelz, der so genannten Zahnfluorose führen. Bis zum Alter von 8 Jahren sollte die Zufuhr 0,1 mg Fluorid pro Kilogramm Körpergewicht nicht übersteigen [3]. Wird mehr als 1 mg Fluorid pro Kilogramm Körpergewicht aufgenommen, wirkt Fluorid auch toxisch und Bauchschmerzen, Übelkeit können erste Folgeerscheinungen sein. Eine sogenannte Skelettfluorose findet man allerdings erst, wenn mindestens 10 Jahre lang täglich 10 mg und mehr Fluorid aufgenommen werden [3].

Fluoridhaltige Zahnpasta erst im späteren Kindesalter verwenden. Über die Art der Fluoridgabe wird zwischen Kinder- und Jugendärzten und Zahnärzten kontrovers diskutiert. Fakt ist, dass Fluoride sowohl in Form von fluoridhaltiger Zahnpasta (topische Anwendung), als auch in Supplementform (systemische Anwendung) wirken [4]. Das Netzwerk Gesund ins Leben spricht sich, wie die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, für die Supplementierung mit Fluoridtabletten und gegen die Verwendung von fluoridierten Zahnpasten im Säuglingsalter aus [4-6]. Denn diese sind kosmetische Produkte und sollten daher nach dem Zähneputzen wieder ausgespuckt werden. Doch viele Kinder sind dazu oft erst ab etwa dem 5. Lebensjahr in der Lage [6]. Wird die Zahnpasta geschluckt, ist die Gefahr einer Fluoridüberdosierung gegeben.

Auch Kinderzahnpasten sind im Säuglings- und Kleinkindalter nicht zu empfehlen. Sie enthalten zwar geringere Fluoridmengen als „Erwachsenenzahnpasta“, werden aber oft nicht in geringer Menge (dünner Film, erbsengroße Menge) angewendet. Hinzu kommt, dass die kariesprotektive Wirkung erst ab einer Fluoriddosierung von über 1000 ppm nachgewiesen ist. In Kinderzahnpasten liegt sie bei 500 ppm oder darunter [4]. Deshalb sprechen sich Pädiater für die fluoridhaltige Zahnpasta erst dann aus, wenn das Kind die Zahnpasta nach dem Zähneputzen zuverlässig ausspucken kann. Und dann sollte und kann es auch die Erwachsenenzahnpasta sein.

Zähne putzen und Dauernuckeln vermeiden. Eine gute Zahnhygiene schützt die Zähne und ist eine Frage der Gewohnheit. Das Kind sollte so bald wie möglich und behutsam an eine regelmäßige Zahnreinigung herangeführt werden. Im Säuglingsalter werden die Zähne mit einem Wattestäbchen oder einer altersgemäßen Zahnbürste geputzt. Auch auf die Ernährung kommt es an. Denn ohne Zucker entsteht Karies nicht [2]. Vor allem, wenn der Zahn mit zuckerhaltigen Getränken (auch Milch enthält Zucker) dauerumspült wird, haben Kariesbakterien gute Bedingungen. Besonders die Flasche zum Einschlafen und das Dauernuckeln von süßen oder säurehaltigen Getränken schaden den Zähnen sehr und sind zu vermeiden. Bekommt der Säugling bereits zusätzliche Getränke, sollten sie aus der Tasse oder dem Becher angeboten werden. Wasser ist und bleibt von Anfang an das beste Getränk.

Quellen:

[1] Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Durchschnittlicher Fluoridgehalt in Trinkwasser ist in Deutschland niedrig. Information Nr. 037/2005 vom 12. Juli 2005, www.bfr.bund.de/cm/343/durchschnittlicher_fluoridgehalt_in_trinkwasser_ist_in_deutschland_niedrig.pdf, 06.06.2014

[2] Colak H, Dulgergil CT, Dalli M, Hamidi MM: Early childhood caries update: A review of causes, diagnoses, and treatments. Journal of natural science, biology, and medicine 2013;4:29-38

[3] Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung, Schweizerische Gesellschaft für Ernährung: D-A-CH Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. Neustadt an der Weinstraße. 1. Auflage, 4. korrigierter Nachdruck ed. Frankfurt am Main: Umschau/Braus; 2012

[4] Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund und Kieferheilkunde (DGZMK), Deutsche Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ), Deutsche Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (DGK), Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ), Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DAKJ), Leitliniensekretariat: Zentrum Zahnärztliche Qualität (ZZQ): S2k-Leitlinie "Fluoridierungsmaßnahmen zur Kariesprophylaxe" 2013, , 06.06.2014

[5] Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Bührer C, Genzel-Boroviczény O et al.: Empfehlungen zur Ernährung gesunder Säuglinge 2013, www.dgkj.de/wissenschaft/stellungnahmen/meldung/meldungsdetail/empfehlungen_zur_ernaehrung_gesunder_saeuglinge/, 14.04.2014

[6] Koletzko B, Bergmann KE, Przyrembel H: Prophylaktische Fluoridgabe im Kindesalter. Empfehlungen der Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V. (DGKJ) und der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin e. V. (DAKJ). Monatschr Kinderheilkd 2013;161:508-9

 

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