Nachgefragt im Oktober: Warum brauchen stillende Mütter zusätzlich Jod?

09.10.2013

Jod ist als Bestandteil der Schilddrüsenhormone von entscheidender Bedeutung für die frühkindliche Gehirnentwicklung. Ein chronischer Jodmangel führt bei Kindern zu Intelligenzminderung, wie weltweite Studien belegen [1; 2]. In Deutschland hat sich die Jodversorgung in den letzten Jahren insgesamt verbessert. Dennoch sind noch nicht alle Bevölkerungsgruppen optimal versorgt. So gibt es immer noch Defizite bei stillenden Müttern und deren Säuglingen [3]. Schon ein milder Jodmangel der Mutter wirkt sich negativ auf die Versorgung des gestillten Säuglings aus. Welche Empfehlung für die Jodzufuhr gilt für die stillende Mutter? Brauchen Stillende zusätzlich Jod?

Frau nimmt Tablette

Foto: © Doruk Sikman / Fotolia.de

Während der Stillzeit sollten ergänzend zu einer Verwendung von Jodsalz täglich 100 µg Jod in Tablettenform eingenommen werden, so die Empfehlung des Netzwerks Gesund ins Leben [4]. Die Tabletten sind notwendig zur Ergänzung einer jodreichen Ernährung. Jodreich zu essen bedeutet, im Haushalt konsequent Jodsalz zu verwenden, regelmäßig ein bis zwei Portionen Seefisch pro Woche und täglich Milch und Milchprodukte zu verzehren. Sowohl die Supplementierung mit Jod als auch eine jodreiche Ernährung sind wichtige Bestandteile der Jodmangelprophylaxe.

Der Jodbedarf ist in der Stillzeit erhöht. Die empfohlene Jodzufuhr einer stillenden Mutter liegt mit 260 µg pro Tag 30 Prozent über der Empfehlung vor der Schwangerschaft (200 µg/Tag) und etwa 12 Prozent über der einer Schwangeren (230 µg/Tag) [5]. Der Grund dafür ist die Abgabe von Jod über die Muttermilch. In der Stillzeit braucht die Mutter daher sowohl Jod für ihren eigenen Organismus als auch zur Versorgung des Säuglings über die Muttermilch. Da Jod eine entscheidende Rolle bei der geistigen und körperlichen Entwicklung des Säuglings spielt, ist seine normale Entwicklung somit von einer ausreichenden Jodzufuhr der Mutter abhängig. Bereits ein milder Jodmangel der Mutter führt zu einem niedrigeren Jodgehalt der Muttermilch und damit direkt auch zu einem Jodmangel des gestillten Säuglings.

Auch bei sorgfältiger Lebensmittelauswahl kann der erhöhte Jodbedarf in der Stillzeit nicht sichergestellt werden. Deutschland zählt zu den Jodmangelgebieten: Da Wasser und Böden hierzulande nur wenig Jod enthalten, sind auch die in Deutschland produzierten Agrarprodukte jodarm. Natürlicherweise kommt Jod in größeren Mengen nur in Seefischen und anderen Meeresprodukten vor. In den letzten Jahren ist es zudem gelungen, Milch und Milchprodukte jodreicher zu produzieren, indem das Tierfutter mit Jod angereichert wurde.

Eine weitere wichtige Jodquelle ist die Verwendung von Jodsalz und die bewusste Auswahl von mit Jodsalz hergestellten Lebensmitteln. Jodiertes Speisesalz enthält 15-25 µg Jod pro Gramm. In Haushalten, in denen viele Speisen selber zubereitet werden, kann Jodsalz damit einen nennenswerten Beitrag zur Jodversorgung leisten. Bei bereits verarbeiteten Produkten ist die Verwendung von Jodsalz jedoch unterschiedlich weit verbreitet. Während in der Gastronomie sowie bei Bäcker- und Fleischerbetrieben relativ häufig Jodsalz verwendet wird, ist der Gebrauch in der Lebensmittelindustrie noch weniger üblich [6]. Fertig- und Halbfertigprodukte aus industrieller Produktion, die in vielen Haushalten überwiegend Verwendung finden, tragen damit nicht zur Jodversorgung bei.

Im Durchschnitt werden durch die Nahrung, inklusive der Verwendung von Jodsalz, nur etwa 120 µg Jod pro Tag aufgenommen, was gerade einmal der Hälfte des täglichen Jodbedarfs der stillenden Mutter entspricht. Selbst bei bewusster Ernährung kann der erhöhte Jodbedarf in der Stillzeit nicht ausreichend gedeckt werden. Stillende, die auf Seefisch sowie Milch und Milchprodukte verzichten erhöhen zusätzlich ihr Risiko für eine ausgeprägt unzureichende Jodzufuhr [6].

Eine Überdosierung mit Jod kann ausgeschlossen werden. Bei der von Gesund ins Leben empfohlenen Supplementierung von 100 μg Jod pro Tag sind gesundheitliche Risiken für die Stillende nicht zu erwarten. Eine Gesamtaufnahme von bis zu 500 μg Jod pro Tag gilt als unbedenklich. Die Gefahr, dass zuviel Jod aufgenommen wird ist grundsätzlich sehr gering, da der Organismus überschüssiges Jod über die Niere ausscheidet. Dennoch sollte die gleichzeitige Einnahme mehrerer jodhaltiger Präparate vermieden werden wie beispielsweise Kombinationspräparate zur Nahrungsergänzung, um die als sicher erachtete Gesamtaufnahme nicht zu überschreiten. Von der Verwendung getrockneter Algen- bzw. Tangpräparate wird generell abgeraten, da sie exzessiv hohe Jodmengen enthalten können [8].

Bei Verdacht auf Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse sollte vor einer Jodsupplementierung eine weiterführende Diagnostik erfolgen. Darauf basierend ist individuell abzuklären, ob und in welcher Menge Jodsupplemente benötigt werden. Lediglich bei einer ausgeprägten Schilddrüsenüberfunktion ist die Einnahme von Jodtabletten kontraindiziert. Sorge vor Jodunverträglichkeiten, die allergischen Reaktionen ähneln, sind jedoch unbegründet. Sie sind durch die Jodmengen der empfohlenen Supplemente nicht zu erwarten [6].

Die Jodversorgung hat sich verbessert, ist jedoch bei Stillenden weiterhin kritisch. Durch die Maßnahmen der Jodprophylaxe hat sich die Jodaufnahme in den letzten 20 Jahren stetig verbessert – auch bei den Stillenden. Bei etwa 10 Prozent der Neugeborenen besteht aber auch heute noch ein latenter Jodmangel mit verminderter Schilddrüsenhormonproduktion. Eine gute Jodversorgung von Mutter und Kind ist maßgeblich abhängig davon, ob ergänzend Jodtabletten eingenommen werden. Dies trifft bei etwa 75 Prozent der Schwangeren zu [7]. Aufgrund der besseren Jodversorgung werden in der Stillzeit statt 200 μg heute nur noch zusätzlich 100 μg Jod pro Tag empfohlen. Eine Supplementierung mit Jodtabletten ist für jede stillende Mutter aber weiterhin notwendig.

Quellen:

[1] Pineda-Lucaterno A et al.: Iodine deficiency and it's association with intelligence quotient in schoolchildren from Colima, Mexico. Public Health Nutrition 11, 690–8 (2008)

[2] Qian M et al.: The effects of iodine on intelligence on children: a meta-analysis of studies conducted in China. Asia Pacific Journal of Clinical Nutrition 14, 32–42 (2005)

[3] Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR):Fragen und Antworten zur Jodversorgung und Jodmangelvorsorge – FAQ des BfR 07.02.2012

[4] Koletzko B, Bauer C-P, Brönstrup A et al.: Säuglingsernährung und Ernährung der stillenden Mutter. Aktualisierte Handlungsempfehlungen des Netzwerks Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie. Monatsschr Kinderheilkd 161, 237–46 (2013)

[5] DGE et al.: DACH-Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr: Umschau/Braus Verlag Frankfurt am Main (2001)

[6] Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Jod, Folsäure und Schwangerschaft – Ratschläge für Ärzte, Februar 2006

[7] Arbeitskreis Jodmangel: Jodmangel und Jodversorgung in Deutschland, Broschüre Januar 2013

[8] Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Gesundheitliche Risiken durch zu hohen Jodgehalt in getrockneten Algen. Aktualisierte Stellungnahme Nr. 026/2007. Berlin: Bundesinstitut für Risikobewertung (2007)

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