Stillprobleme sind nicht selten, wie z. B. die Studie "Stillen und Säuglingsernährung in Deutschland – SuSe II" zeigt. Darin berichtete etwa die Hälfte von knapp 1.000 Frauen, die versucht hatten zu stillen, in den ersten zwei Wochen nach der Geburt von Problemen. Am häufigsten belasteten sie wunde Brustwarzen (61,1 %) und Schwierigkeiten des Kindes beim Trinken (44,7 %) [1]. Eine Überprüfung der Anlegetechnik gehört zu den ersten Maßnahmen zur Behebung von Schwierigkeiten, denn mehr als 80 % der Beschwerden beim Stillen sind anlegebedingt [2, 3]. Oft können schon kleine Anpassungen die Probleme beheben oder verringern [4].
Richtiges Anlegen
Anlegen beschreibt den Anfang des Stillvorgangs, wenn das Kind an die Brust gebracht wird, und mit dem Ansaugen an Brustwarze und Warzenhof beginnt. Bei jeder Stillposition ist es wichtig, dass der Säugling entweder zur Brust geführt wird oder sich selbstständig zur Brust bewegt – aber nicht die Brust zum Säugling geführt wird. Letztgenanntes kann zu Fehlhaltungen führen. Bevor der Säugling die Brust in den Mund nimmt, zeigt sein Gesicht zur Brust, der Kopf ist leicht nach hinten geneigt und die Brustwarze ist auf Höhe der Nase. Ohr, Schulter und Hüfte des Kindes sollen beim Stillen eine gerade Linie bilden und nicht verdreht sein. Damit ist das Trinken einfacher. [4]
Säuglinge zeigen, wenn sie hungrig werden bzw. an die Brust möchten. Je früher ein Kind angelegt wird, desto leichter gelingt es in der Regel [4]. Ein sehr hungriges, weinendes Kind kann die Brust schlechter erfassen und weniger effektiv saugen. Es muss vor dem Anlegen an die Brust erst getröstet werden.
So erfasst das Kind die Brust korrekt
- Mund weit geöffnet wie beim Gähnen
- Unterkiefer erfasst Brustgewebe zuerst
- wichtig: die Brustwarze und etwas Brustgewebe verschwinden in der Mundhöhle
- Zunge liegt über unterer Zahnleiste, Brustwarze kurz vorm weichen Gaumen
- Unterlippe nach außen gestülpt
- Kinn berührt sanft die Brust, Kopf leicht nach hinten geneigt [2, 4, 5]
Stillproblemen und Abstillen vorbeugen
Wunde Brustwarzen können entstehen, wenn der Säugling nicht genug Brustgewebe im Mund hat und nur an der Brustwarze saugt. Es kommt zu einem hohen Saugvakuum bei gleichzeitig spärlichem oder fehlendem Milchfluss. Belastend ist auch eine besonders starke Kompression der Brustwarze, wenn die Zunge nicht schützend über der harten unteren Zahnleiste des Babys liegt. [2] Korrektes Anlegen reduziert damit die Belastung der Brustwarze und beugt Wundheit vor. Es ermöglicht auch eine regelmäßige und ausreichende Milchgewinnung aus der Brust, was nicht nur für die Versorgung des Kindes mit Muttermilch bedeutsam ist, sondern zudem weiteren Stillproblemen vorbeugt: wenn unzureichend Milch entnommen wird, kann das zur Entstehung von Milchstau und Brustentzündungen beitragen und die Milchbildung verringern [4]. Die Sorge um zu wenig Milch ist in den ersten sechs Monaten nach der Geburt für knapp 70 % der Stillenden Grund zum Abstillen, 15 % geben als Grund Brustentzündungen an [6]. Auch Probleme mit der Brust oder mit den Brustwarzen zählen zu häufig genannten Abstillgründen [1].
Besonderheiten beim Anlegen
Jede Brust ist unterschiedlich und manchmal kann ein Formen der Brust das Anlegen erleichtern. Dazu wird der Daumen über der Brustwarze platziert und die restlichen Finger liegen darunter mit ausreichend Abstand zum Brustwarzenhof, um das Brustgewebe etwas zusammendrücken zu können (C-Griff). Die Brustwarze tritt dabei hervor und der Säugling kann die Brust leichter erfassen [2, 4]. Auch bei flachen oder eingezogenen Brustwarzen ist Stillen in der Regel gut möglich, es bedarf ggf. etwas mehr Anleitung und Gewöhnung für Mutter und Kind. In welcher Position das Anlegen am leichtesten fällt, ist bei jedem Mutter-Kind-Paar und je nach Stillgelegenheit verschieden. Die Rückenhaltung kann z. B. bei großen Brüsten hilfreich sein, das intuitive Stillen in der zurückgelehnten Stillhaltung (bei der die Mutter in einer halb liegenden Position den Säugling bäuchlings in Brustnähe auf dem Bauch liegen hat) kann besonders anfangs hilfreich sein und es wird dabei zum Teil von weniger Stillproblemen berichtet [7, 8].
Folgende Bedingungen unterstützen das richtige Anlegen in jeder Position: eine angenehme Umgebung, eine bequeme Sitz- oder Liegeposition für die Stillende (Arme und Rücken bei Bedarf z. B. durch Kissen stützen, evtl. ein Fußschemel, wenn sie sitzt), stabiler Halt für das Kind (Bauch an Bauch, nah am Körper der Stillenden, dazu ggf. Kissen oder eine aufgerollte Decke) und ggf. kurze Brustmassage vor dem Stillen, um den Milchfluss schneller in Gang zu bringen [4, 2].
Etwa 3 bis 5 % aller reifer Neugeborenen haben ein verkürztes Zungenbändchen [2]. Das kann bewirken, dass der Säugling nicht korrekt und wirkungsvoll an der Brust saugt, und es zu Schmerzen beim Stillen, Verletzungen der Brustwarzen und einer nicht ausreichenden Milchentnahme aus der Brust kommt. Hier ist eine enge Begleitung durch Hebamme oder Still- und Laktationsberater*in nötig. Eine Durchtrennung des Zungenbändchens zur Verbesserung der Situation kann mit einer speziell ausgebildeten Fachkraft abgeklärt werden (Aufklärung und Weiterbildung von Fachkräften bietet z. B. die Deutsche Fachgesellschaft für Behandlung oraler Restriktionen e. V.).
Bei Schmerzen früh handeln
In den ersten Tagen nach der Geburt kann das Ansaugen des Kindes zu Beginn einer Stillmahlzeit etwas unangenehm sein. Das Gefühl entsteht durch die Dehnung der Brustwarze und den Unterdruck auf die noch nicht mit Milch gefüllten Milchgänge. Später, wenn die Milchbildung gut etabliert ist, beschreiben Stillende einen erhöhten Druck beim Ansaugen, der durch das Saugen nach und nach abgebaut wird [3]. Manchmal schafft es ein Säugling nicht, die Brust beim ersten Anlauf gut zu erfassen. Vielleicht zieht oder schmerzt es. Dann ist das Stillen zu unterbrechen. Die Stillende kann dazu ihren sauberen kleinen Finger in den Mundwinkel des Kindes führen, um das Saugvakuum zu lösen, und das Baby erneut ansaugen lassen.
Schmerzt das erste Anlegen sehr stark, lässt der Schmerz beim Stillen nicht nach oder wird es von Mal zu Mal schmerzhafter, sind das Anzeichen dafür, dass die Brust nicht gut erfasst ist. Als erste Maßnahme sind Anlegetechnik und Stillposition mit einer Stillfachkraft zu kontrollieren. Oft ist das Stillen durch kleine Korrekturen wieder gut und schmerzfrei möglich. Bei Reizungen oder Verletzungen an Brust und Brustwarze besteht umgehender Handlungsbedarf. Wichtig ist, dass Stillende sich frühzeitig Hilfe holen, auch bei Unsicherheiten beim Abpumpen [2, 4].
Anlegewissen schon für Schwangere
Die richtige Anlegetechnik kann gut erlernt werden. Vielen Stillproblemen wird vorgebeugt, wenn Frauen und enge Bezugspersonen bereits in der Schwangerschaft Informationen zum Anlegen des Säuglings erhalten und gerade zu Beginn der Stillzeit auf professionelle Unterstützung zurückgreifen können [2, 4]. Stillkurse können bei der praktischen Vorbereitung helfen. Es gibt kostenlose und kostenpflichtige Angebote, vor Ort und online. Auch wenn Säuglinge die Brust instinktiv suchen, finden und erfassen können, braucht es Grundwissen und hilfreiche Bedingungen wie Ruhe beim ersten Stillen und geeignete Stillhaltungen, nicht zuletzt damit sich Neugeborene nicht an eine ungünstige Technik gewöhnen, die später schwieriger umzulernen ist. Aufklärung vor der Geburt kann das Risiko für wunde Brustwarzen senken und die Fähigkeiten der Mutter stärken [9]. Das Vertrauen der Stillenden in die eigene Handlungsfähigkeit fördert wiederum den Stillerfolg. Da Frauen nach Stillkomplikationen beim nächsten Kind ggf. nicht mehr stillen möchten, tragen positive Stillerfahrungen auch weitergehend zur Stillförderung bei [10].